Mit der Arbeit motheranddaughter möchte ich ergründen:
Welches Bild habe ich von mir selbst?

DER STEPPENWOLF von Hermann Hesse hat meine Arbeit inspiriert. Im STEPPENWOLF finde ich meine eigene Zerrissenheit wieder, die mein Erleben in ein Entweder-Oder zerlegt. Das Leben zeigt jedoch ein wesentlich komplexeres Bild der Person.

Der Sozialpsychologe Heiner Keupp prägte in den 80-er Jahren den Begriff der Patchwork-Identität und drückt damit aus, dass es eine Persönlichkeit aus einem Guss nicht (mehr) gibt. Die Identität eines Menschen setzt sich aus vielen verschiedenen Facetten zusammen. Diese sind geprägt von den Anforderungen und Begegnungen jedes Einzelnen und drücken sich in den Rollen aus, die wir täglich bewusst oder unbewusst spielen. Die Rollen sind abhängig vom jeweiligen Kontext und sind immer nur Ausschnitte einer Persönlichkeit. Es gilt diese Rollen-Bilder in einem Sowohl-als-Auch zu integrieren.

Jeder hat (mehr oder weniger bewusst) Bilder verinnerlicht, welche die jeweilige Rolle repräsentieren. Diese Bilder sind mächtige Wahrnehmungsfilter: sie beeinflussen die Wahrnehmung der eigenen Person und die des Gegenübers und damit die Qualität einer jeden Begegnung.

Das Erscheinungsbild eines Menschen ist ein Hinweis auf die Rolle. Die Rollen definieren sich durch bestimmte Attribute. Es sind Schuhe, Kleidungsstücke, Schmuck, Accessoires.
Make-up und Frisuren gehören ebenfalls zu den Rollen.
Kleidung und Make-up fungieren als Codes. Das äußere Erscheinungsbild ist Teil einer Bildsprache. Mit den Zeichen dieser Sprache grenzt eine Person sich von anderen ab oder signalisiert Zugehörigkeit. Das Lesen der Zeichen übernimmt das Gegenüber.

motheranddaughter ist ein Experiment in verschiedenen Rollen, die sich im Alltag genau wie im Theater durch KOSTÜM (Kleidung), MASKE (Make-up) und Verhalten definieren.

In motheranddaughter nehme ich meine Rollen mit der Haltung einer Schauspielerin ein und kleide mich entsprechend der Rollen. Dann trete ich vor die Kamera. Sie wird zum Gegenüber.

Die fotografische Versuchsanordnung isoliert die Rollenbilder, indem sie den alltäglichen Kontext tilgt. Die Kontextsituation findet in der Phantasie statt.
Die bewusste Beschäftigung mit meinen Rollen-Bildern verändert ihre Wirkungsweise. Sie zeigen mir, wo ihre Grenzen sind solange sie unbewusst bleiben. Und es eröffnet sich die Möglichkeit, die Grenzen bewusst zu überschreiten, zu erweitern, neu zu setzen.

... so drang von allen Seiten Neues, Gefürchtetes, Auflösendes in mein bisher so scharf umrissenes und so streng abgeschlossenes Leben. Der Steppenwolftraktat und Hermine hatten recht mit ihrer Lehre von den tausend Seelen, täglich zeigten sich neben den alten auch noch einige neue Seelen in mir, machten Ansprüche, machten Lärm, und ich sah nun deutlich wie ein Bild vor mir den Wahn meiner bisherigen Persönlichkeit.

(aus: DER STEPPENWOLF von Herrmann Hesse)
 
motheranddaughter (2007)
md01 – md06, 90 cm x 200 cm
Inkjet Print auf HP Clear Film Transparent